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Richtig wütend

Vom Umgang mit der ungeliebten Emotion

Wann waren Sie das letzte Mal so richtig sauer? So stinkig, dass Sie am liebsten die Teetasse oder den Tacker durchs Zimmer geschmissen hätten? Haben Sie nicht? Oder doch?

Ich gehe jetzt einmal davon aus, dass jede*r von uns, jede*r erwachsene Mensch sich an eine solche Situation in seinem Leben erinnern kann. Wir alle haben Wut schon einmal erlebt und doch geht jeder ein bisschen anders mit dieser starke Emotion um. Manche lassen es raus, werden laut, schreien. Andere werden still, verstummen und fressen regelrecht den Ärger in sich rein. Wut hat ein ganzes Spektrum von Schattenseiten, sie kann in Aggression, destruktives Verhalten oder in Gewalt enden. Schon oft hat sie Beziehungen und Freundschaften zerstört.

In dem nachfolgende Text möchte ich sie einladen mit mir zusammen darüber nachzudenken was Wut eigentlich ist und warum wir wütend werden?  Denn Wut hat viele Gesichter. Und gibt es vielleicht so etwas wie eine gute Wut?

Ich glaube das gibt es wirklich, viel mehr noch, ich glaub es gibt keine schlechten Emotionen. Wir haben nur zumeist in unserem Leben verlernt mit ihnen so umzugehen, dass sie uns unterstützen und helfen.

Stellen wir uns doch einfach mal vor wie unsere Gesellschaft aussehen würde, wenn politisch aktive Menschen nicht wütend würden. Zum Beispiel über die Ungerechtigkeiten als Frauen noch nicht wählen oder schwarze Menschen nicht auf allen Plätzen im Bus sitzen durften. Erst die Wut von Einzelnen hat dazu geführt, dass sich gesellschaftlich etwas zum Guten verändert. Wut kann also durchaus konstruktive Prozesse gestalten. Auch im privaten Bereich gibt es immer wieder Momente, in denen wir wütend werden und damit deutlich spüren, dass sich etwas ändern soll. Dann wechseln wir den Arbeitsplatz, entfreunden sich von Menschen, die ihnen nicht guttun oder beginnen Sport zu machen. Wut ist aber auch ein wichtiges Barometer in Beziehungen: Zum Beispiel, wenn Sie merken, dass Sie immer gereizter auf Ihre Partnerin oder Ihren Partner reagieren. Vielleicht, weil sie das Gefühl haben nicht mehr gesehen zu werden oder Sie spüren, dass Ihre Bedürfnisse nicht ausreichend berücksichtigt werden. Das ist manchmal die berüchtigte Zahnpastatube, der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt und zum Symbol wird für den Wunsch nach mehr Respekt und Anerkennung gegenüber Ihrem Beitrag zur Haushaltsführung. Oder der Ärger über das Hobby des Anderen das eigentlich zum Ausdruck bringen möchte, dass die Paarzeit zu kurz kommt.

Es gibt unzählige Beispiele, die verdeutlichen, dass wenn wir richtig wütend werden, wir uns in einer Situation befinden, die in unser Wahrnehmung für uns nicht richtig ist und die wir verändern möchten.

Nicht immer ist es so einfach, wie in den oben geschilderten Beispielen dahinterzukommen um was es tatsächlich geht. Manchmal reagieren wir nämlich auf eine Kleinigkeit mit einem großen emotionalen Wutausbruch. Und vielleicht wissen wir es dann selbst nicht so richtig was uns am Gegenüber oder der Situation so geärgert hat. Dies ist oft ein Hinweis dafür, dass der Ursprung des Konfliktes nicht benannt wurde oder dass er in der Vergangenheit liegt.

Vielleicht habe sie schon als Kinder erlebt das sie nicht gemocht, vielleicht sogar bestraft und ausgegrenzt werden, wenn sie wütend sind. Im Laufe des Erwachsenwerdens haben dann vielen gelernt ihre Emotionen zu unterdrücken, zu verstecken und möglichst nicht mehr zu spüren oder sie zumindest streng zu kontrollieren.

Zahlreiche Studien haben belegt, dass das Unterdrücken von Wut auf lange Sicht das Immunsystem schwächt. Darüber hinaus können unterdrückte Gefühle körperlichen Stress auslösen, der wiederum zu Bluthochdruck, Diabetes, Herzerkrankungen, Nierenschäden und Magenproblemen führen kann. Emotionen zu unterdrücken ist also alles andere als gesund. Was also können wir tun, um die konstruktive Kraft der Wut zu nutzen? Vielleicht sollten wir erst einmal verstehen was Wut eigentlich ist.

Die Emotion Wut entsteht in unserer Amygdala (Mandelkern), diese ist vereinfacht gesagt der Teil des Gehirns, der auf soziale Signale reagiert. Er sorgt dafür, dass wenn wir zum Beispiel beleidigt werden indem jemand arrogant die Augenbrauen hebt und etwas abfälliges über uns sagt, sich unser Körper auf eine Reaktion einstellt, noch bevor wir diesen Gesichtsausdruck bewusst wahrgenommen haben.“

Das ist die Phase vom Aufkommen der Wut, in der wir ein warmes Kribbeln oder einen Druck im Bauch verspüren können, vielleicht auch ein Zittern in den Händen. Es wird uns bewusst: „Wir sind wütend!“. Diese Emotion breitet sich dann zunehmend in unserem Körper aus, wie eine Welle. Wir fühlen uns unwohler, unruhiger. Oft wird dieser Moment auch von einem bewussten Gefühl der Hilflosigkeit begleitet. Gerne hätten wie jetzt etwas anders:  Der Andere soll weg gehen, aufhören zu reden. Körperliche Signale zur Abgrenzung werden stärker: Wir gestikulieren grob, werden in der Sprache lauter und unser Gesichtsmimik wird deutlicher. Je weniger Erfolg wir mit unseren Signalen von Abgrenzung haben umso wütender werden wir.

Sie kennen das sicherlich auch aus dem täglichen Straßenverkehr. Es fährt jemand vor Ihnen exakt 10 km/h weniger als erlaubt her, sie müssen dringend zu einem Termin und werden ungeduldig. Sie versuchen zu überholen aber der Verkehr lässt es nicht zu, vielleicht setzen Sie eine Lichthupe oder Hupen laut, aber nichts verändert sich. Sie werden noch wütender, weil sie gemerkt haben, dass Sie die Situation nicht gestalten und nicht verändern können.

Ähnlich ist es in Beziehung Streitereien, eine Seite möchte etwas was die anderen nicht möchte. Da kann es um die Erfüllung von Bedürfnissen oder auch um einen Wertekonflikt gehen. Das Wesen eines Streites ist, dass beide Parteien sich in der Regel nicht gehört und auch nicht wahrgenommen fühlen. Wir sprechen jetzt von der Ausbruchsphase.

Ihr Nervensystem ist mittlerweile aktiv und Noradrenalin wird ausgeschüttet. Ihr Herz beginnt zu klopfen, die Atemfrequenz erhöht sich und der Blutdruck steigt. Auch andere körperliche Veränderungen werden sichtbar, wie zum Beispiel die Anspannung der Muskulatur sowie weit geöffnete Augen.

Wir haben das Gefühl gleich zu Platzen. Auf das Beispiel im Straßenverkehr zurückzukommen ist das dann der Moment, in dem man gerne lautstark flucht.

Passiert dies sind wir in der sogenannten Eskalationsphase angekommen, dort ist man zwar im höchsten Level der Wut, es ist aber auch genau der Moment indem wir entscheiden, wie wir unseren Ärger Ausdruck geben wollen. Wir sind noch nicht von der Wut überrollt und viele versuchen dann diese zu kontrollieren oder sie zu unterdrücken. „Das wäre ein Fehler“, sagt Psychotherapeut Andreas Knuf: „Wut ist ein Teil unseres ureigenen Verhaltensrepertoires. Sobald wir versuchen, sie wegzuschieben, erzeugen wir Anspannung. Das strengt nicht nur an, sondern es erzielt auch überhaupt nicht die Wirkung, die wir uns erhoffen. Unterdrückte Gefühle verschwinden nämlich nicht. Im Gegenteil, sie halten länger an als Gefühle, die wir aufrichtig fühlen.“

Aber wie soll das gehen? Einfach rauslassen führt oft nur dazu, dass wir anderen Menschen und sogar Menschen die wir eigentlich lieben schaden, dass wir diese kränken oder verletzen. Streit, der aus einer starken Wut entsteht, ist allzu oft destruktiv. Denn große Gefühle haben viel Kraft, die wir nicht immer bändigen können. Es gilt also das Kunststück zwischen emotional bewusstem Erleben und konstruktivem Umgang im Außen zu vollziehen.

Nein, ich möchte ihnen hier keine neue Gesprächsregeln vorstellen oder Kommunikationsformen. Vielmehr möchte ich Sie einladen über fünf Grundhaltungen nachzudenken.

  • Akzeptanz
  • Transparenz
  • Aufrichtigkeit
  • Toleranz
  • Respekt

Diese inneren Einstellungen sind hilfreich unabhängig davon mit wem sie den Konflikt haben, ob mit sich selbst, in Bezug auf ihre inneren Werte und Bedürfnisse, oder mit einer anderen Person.

Das Erste was Sie tun können ist zu akzeptieren, dass Sie wütend sind, dass Sie einen Konflikt haben. “Ja, ich bin wütend“ mit dieser Aussage schaffen Sie sich einen Raum, in dem Sie versuchen können zu ergründen, was Sie ändern wollen. Am besten geht das, wenn Sie versuchen Adrenalin abzubauen. Das geht am Einfachsten durch Bewegung. Sie könnten zum Beispiel eine Runde um den Block gehen, aber gehen Sie nicht weg, nehmen sie ernst was Sie ärgert. Nehmen Sie auch gegebenenfalls ihr Gegenüber ernst. Das bedeutet seien Sie transparent. Sagen Sie was los ist und dass Sie sich jetzt Raum nehmen, um mit Ihren Gefühlen in Verbindung zu treten und wann Sie wiederkommen und das Gespräch wieder aufnehmen, möchten. Nehmen Sie sich eine Auszeit aus Konflikten aber stellen Sie ihre Gefühle nicht ab, verbieten sie sich weder Streit noch Wut. Gestalten Sie bewusst und aufrichtig. Versuchen Sie die richtigen Worte zu finden für das was sie ärgert und was sie ändern wollen. Bleiben Sie dabei bei Ihrer eigenen Wahrnehmung und nicht bei dem was der oder die andere getan hat. Vergessen Sie nicht tolerant zu sein. Wir können andere nicht ändern und wir müssen uns meistens auch nicht selbst ändern, aber wir können gemeinsam unser Verhalten gestalten. Das heißt. die Art und Weise wie wir in bestimmten Situationen mit uns selbst oder anderen umgehen. Und vielleicht das Wichtigste in allen Formen des Konflikts: behalten Sie Respekt vor sich und den anderen.

Gelingt es den Konflikt so in eine konstruktive Auseinandersetzung zu verwandeln hat auch die Wut ihre Signalfunktion erfüllt. Die Botschaft, die Ihr Körper und Ihr Verstand gesendet hat wurde gehört und kann sich wieder beruhigen, besser gesagt befrieden. Eine akzeptierende und friedliche Haltung gegenüber der eigenen Emotionalität und dem eigenen emotionalen Innenleben entscheidet maßgeblich darüber wie wir auch in der nächsten Wut handeln werden. Es ist wichtig zu lernen, mit Wut zu arbeiten, denn wenn wir nicht bewusst mit unserem Ärger umgehen, kann er negative Wirkungen auf unsere psychische und physische Gesundheit haben“, schreibt Russell Kolts, Psychologe und Professor an der Eastern Washington University

Wut, Ärger, Streit, Zoff, Aggression alles das sind Emotionen und Gefühle, die zu einem ganz normalen Leben dazu gehören genauso wie Freude, Glück und Entspannung. Die gesamte Palette unserer Gefühle und Emotionen macht uns zu den bewussten Wesen, die wir sind. Die Akzeptanz all diese Emotionen als ein wichtiger Teil von uns selbst öffnet uns die Tür zu einem konstruktiven Umgang mit Wut. Sie führt zu einer Chance auf eine Veränderung zum Guten, in uns selbst und mit anderen.

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